Küsteliebe: Wandern an der Ostsee

Als Nordlicht aus Schleswig-Holstein wächst man ja sozusagen an der Küste auf. Ich kann nicht mehr zählen, wie oft ich im Sommer schon in die Ostsee gesprungen bin. Eine erfrischende Abkühlung an heißen Strandtagen.

Heute allerdings nicht empfehlenswert, es ist Januar, Minus drei Grad. Aber windstill immerhin. Ich lasse das Auto in Travemünde am Wohnmobil-Stellplatz stehen. Den Ort möchte ich heute nicht erkunden, ich war schon oft genug dort. Wer Travemünde noch nicht kennt, sollte es sich nicht entgehen lassen. Einen Kaffee trinken mit Blick auf das im Hafen liegende Segelschiff Passat oder den schönen alten Leuchtturm. Ein meiner Meinung nach weniger schönes Wahrzeichen, ist das Maritim Hotel, ein Klotz von einem Hochhaus, der sich hundert Meter über die Stadt erhebt.

Ich sehe den Ortskern heute nur aus der Ferne. Nur wenige Gehminuten trennen mich vom Ufer. Den Stadtstrand lasse ich aus und starte dort, wo die Strandpromenade endet. Mein Ziel: Timmendorfer Strand. Ich möchte direkt am Wasser unterhalb der Steilküste Brodtener Ufer entlang wandern und auf dem Rückweg den Ausblick von oben aus genießen. Zum Nachwandern ist hier meine getrackte Route. Zwar an einer Stelle nicht ganz exakt, weil bei diesen Temperaturen gerne mal der Akku streikt, aber der Weg ist ohnehin unverlaufbar. (Ich bin natürlich nicht durch das Wasser geschwommen…)

Am Wasser angelangt richte ich den Blick nach links und gehe erst ein Stück weit auf der Kaimauer. Mein Hund Cosmo ist ganz aufgedreht und versucht über die kleinen Wellenbrecher ans Wasser heran zu kommen. Ich muss ihn etwas zügeln, damit er mir nicht abrutscht und sich verletzt. Übrigens lasse ich ihn einfach ohne Leine frei herum laufen, da außer mir keine anderen Menschen hier sind. Hier gibt es noch mehr Tipps für das Wandern mit Hund.

Ich klettere über ein kleines Geländer und gelange so an einen breiten Naturstrand, links von mir kann ich schon erahnen wie sich langsam die Steilküste aufbaut. Hier ist auch ein Aufgang nach oben – letzte Chance also, wenn man den Hinweg am oberen Ufer nehmen möchte.

Nichtmal einen Kilometer weiter erhebt sich die beeindruckende Klippe von Brodten vor mir. Der Winter hat sich über die schroffe Landschaft aus Felsen und herab gefallenen Bäumen gelegt. Gletscherartige gefrorene Rinnsale fließen von der oberen Kante herab und bilden Eisflächen auf dem Sand. Die Sicht ist diesig und wolkenverhangen. Der Horizont verschwimmt mit dem Himmel.

Brodtner Ufer Steilküste

Die Küste macht einem deutlich bewusst, dass nichts ewig währt. Jährlich wird gut ein ganzer Meter Land davon gespült. Selbst die größten und ältesten Bäume können der stürmischen See nicht standhalten. Ganz zu schweigen von den Schichten aus Gestein und Sand. Nicht nur einmal muss ich zwischen Bäumen durch klettern. Zum Größenvergleich hier mal ein Bild von Cosmo, kannst Du ihn entdecken?

Umgestürzter Baum Brodtener Ufer
Suchbild: Wo ist Cosmo?

Es hängen riesige Eiszapfen von den Felsen und Ästen, die nah am Wasser liegen. Ich habe mich dick eingepackt und durch die Bewegung beim Wandern friere ich trotz Minusgraden kein bisschen. Es hätte sogar noch eine Schicht weniger sein können. Auch Cosmo lässt sich nichts anmerken, er läuft mit den Pfoten durch das Wasser und beobachtet auf dem Meer ruhende Seevögel. In der Ferne ziehen Kreuzfahrtschiffe umher. Vom Plätschern des Wassers abgesehen, ist es ganz still. Eisblumen tanzen um mich herum durch die Luft.

Eiszeit

Der Weg wird so langsam beschwerlicher. Man muss wirklich aufpassen, wo man hin tritt. Auf einmal stehe ich vor einem Abschnitt, in dem kein Fleckchen Sand mehr sichtbar ist. Der Strand besteht hier nur noch aus mindestens faustgroßen Steinen. Cosmo bahnt sich bereits den Weg hindurch. Ich schnüre meinen Rucksack fester und setze vorsichtig Schritt für Schritt. Die Kamera bleibt für eine Weile in der Tasche.

Es folgt ein kleiner Strandabschnitt und ich erreiche die Seebrücke von Niendorf. Als Lohn für die anstrengende Kletterpartie über die Felsen, erkunde ich den Hafen von Niendorf. Hier mündet die Aalbek in die Lübecker Bucht. Imbisse bieten Fischgerichte aller Art. Es haben sogar einige Buden geöffnet und wer mag kann sich ein Fischbrötchen gönnen. Die bunten Farbtupfer der Boote und Häuschen bilden einen tollen Kontrast zu silbernem Wasser und Himmel. In den Sommermonaten gibt es hier einen monatlichen Fischmarkt.

Niendorf

Ich wandere um das Hafenbecken herum und ein Stück über das Gelände der Yacht-Werft. Von hier aus sind es noch etwa drei Kilometer bis Timmendorfer Strand. Für die nicht Ortskundigen: Timmendorfer Strand ist der Name der Stadt, welche direkt am Strand liegt. Der Abschnitt zwischen Niendorf und dort besteht ausschließlich aus Badestränden. Direkt bei Niendorf ist ein kleines Teilstück als Hundestrand ausgewiesen. Doch auch im restlichen Bereich sind Hunde in den Wintermonaten ausdrücklich erlaubt. Das wird hier gern genutzt, Cosmo findet schnell einige Spielkameraden.

Ich kann die Seebrücke von Timmendorf schon seit einiger Zeit sehen. Sie ist allerdings weiter weg als ich geschätzt hätte. Direkt am Wasser ist der Sand fest und am besten zum Wandern geeignet. Im nachhinein spürt man trotzdem mit jedem Muskel, dass wandern auf weichem Untergrund deutlich anstrengender ist.

Winterwandern

Schon aus der Ferne höre ich jazzige Klänge von der Seebrücke her. Weiße Zelte stehen drum herum, davor sind Strandkörbe und Sitzgelegenheiten aus Paletten aufgebaut. Es läuft entspannte Musik und Schaulustige stehen drum herum. Hier wird gerade für die Winter-Strandklub Veranstaltung aufgebaut, wie mir ein Plakat verrät. Wenn es nicht so früh dunkel werden würde, hätte ich mir vielleicht einen Drink geholt. Die Atmosphäre ist wirklich klasse, wie im Urlaub. Doch ich möchte auf keinen Fall im Dunkeln an der Steilküste zurück laufen, daher laufe ich ein Stück die Seebrücke entlang und mache dann kehrt, um an der Strandpromenade zurück zu wandern.

Man sieht sofort, dass es ein Erholungs- und Urlaubsort ist. Restaurants, Hotels und Ferienhäuser reihen sich dicht an dicht. Verwundert bemerke ich, dass der asiatische Stil scheinbar groß im Trend liegt. Zumindest gucken mich lauter Buddhas aus den Vorgärten an und viele der Restaurants bieten asiatisches Essen. Nicht gerade maritim, aber Abwechslung muss ja sein. Das Wandern fällt hier natürlich deutlich leichter, als am Sandstrand. Ich komme am Sealife Center vorbei, das auch heute viele Besucher, vor allem Familien anzieht.

Als ich wieder näher an Niendorf heran komme, gibt es lange Holzstege mitten durch die Dünen hindurch. Die meisten flanierenden Leute trauen sich nicht so recht darauf, da sie doch etwas glatt sind. Aber ich habe ja rutschfeste Wanderstiefel an.

In Niendorf muss ich den selben Weg wie auf dem Hinweg nehmen, am Hafen entlang, da man nicht einfach geradeaus über die Aalbek kommt. Inzwischen haben die Buden geschlossen, es hat sich wohl nicht gelohnt.

Ein Stück hinter Niendorf entdecke ich einen Treppenaufgang zum hohen Ufer. Ich komme zum offiziellen Rad- und Wanderweg am Brodtener Ufer. Der Kiesweg wirkt wie neu, da er es vermutlich auch ist. Regelmäßig muss er verschoben werden, sobald wieder ein Stück der Steilküste abbricht. Je weiter ich wandere, desto höher wird es. Die Aussicht auf die Ostsee ist super. An den besonders gefährdeten Stellen flattert Absperrband. Cosmo lasse ich natürlich an der Leine. Nicht, dass er zu nah an den Abgrund geht. Höhenangst habe ich zwar nicht, doch wer weiß, ob nicht doch plötzlich der Boden nachgibt…

Nach zwei Kilometern finde ich die Höchste Stelle am Brodtener Ufer: Die Herrmannshöhe. Etwa 20 Meter hoch ist das Kliff. Hier gibt es auch ein Restaurant, in dem man bei bestem Ausblick Matjes essen kann.

Herrmannshöhe Panorama

Ich bin inzwischen schon fast sechs Stunden unterwegs. Nicht gerade schnell, aber darum geht es mir auch nicht. Cosmo ist inzwischen geschafft und hat wohl irgendwie vergessen, was „bei Fuß“ bedeutet. Zwei Kilometer noch. Es stehen regelmäßig Bänke am Wegesrand, sogar fast immer mit Mülleimern ausgestattet. Mein mitgebrachter Tee ist noch recht voll, ich hab offensichtlich nicht genug getrunken. Deswegen mache ich nochmal eine Pause und habe auch Zeit Fotos zu machen.

Das letzte Stück Wanderweg führt etwas abseits der Küste durch ein Waldstückchen. Zurück in Travemünde muss ich nur noch kurz ein Stück landeinwärts wandern, dann komme ich wieder am Auto an.

Ich fand die Steilküste alles in allem sehr abwechslungsreich und abenteuerlich. Wer es sich zutraut, sollte auf jeden Fall den Weg unten am Steinstrand nehmen. Von unten sieht die Abbruchkante sehr viel beeindruckender aus, als von oben. Dass weder Mensch noch Hund versuchen sollte, an der Kante herum zu klettern versteht sich ja von selbst. Auch dass Du, bevor es los geht, den Wetterbericht im Auge behalten solltest – Stichwort Sturmflut. Für das Wandern mit Hund ist die Tour auf jeden Fall empfehlenswert. Im Sommer wird es natürlich weitaus voller sein. Zwischen Niendorf und Timmendorf dürfen Hunde in den Sommermonaten nicht mit an den Strand. Daher solltest Du lieber in der kalten Jahreszeit hier wandern gehen, oder die Route abkürzen. Was ich schön finde, dass es auch im Winter regelmäßige Events gibt, wie den Winter-Beachklub, den ich heute entdeckt habe oder das Fackelfest, das im Februar stattfindet. Kulinarisch kann man sich auf Fischgerichte und Meeresfrüchte aller Art freuen. Ich für meinen Teil bin mir sicher, dass ich bald nochmal wieder komme.

3 Gedanken zu “Küsteliebe: Wandern an der Ostsee

    1. Hallo Ewald,
      Danke für deine Kommentare!
      Damals war die Promenade bei Travemünde und co bestimmt auch noch nicht so touristisch. Und es waren sicher noch einige Meter mehr Land am Steilufer – wobei das Aussehen ja gleich bleibt.
      Ich fand den Weg unten wirklich spannender, aber auch deutlich anstrengernder, deswegen empfiehlt er sich für den Hinweg.
      Liebe Grüße,
      Maike

      Gefällt 1 Person

      1. Das stimmt, obwohl es schon immer etwas Besonderes war, in Travemünde an der Promenade zu spazieren. Das war feine Kleidung angesagt, Anzug für den Herrn und Kleider für die Damen, der Hut durfte auch nicht fehlen. Die größte Sünde war das Maritim. Auf dem Priwall war noch nie Grenze und der FKK-Bereich direkt an der Grenze und in Travemünde direkt hinter der Badeanstalt Möwenstein, da wo dein Spaziergang begonnen hat.
        Lieben Gruß, Ewald

        Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s