Dämme und Brücken

Harz mit Baby Teil 4

Es poltert unter mir und jemand schreit laut auf, gefolgt von aufgeregtem Raunen der Menschen um mich herum. Mir läuft kurz ein Schauer über den Rücken. Da wird doch wohl keiner 100 Meter von der Hängebrücke in die Tiefe gestürzt sein?!

Die über 450 Meter lange Hängebrücke „Titan-RT“ ist gut besucht. Wegen Corona ist hier Einbahnstraße, aber Maske muss man nicht tragen. Parallel zum majestätischen Staudamm hängt sie über dem Rappbodetal auf beiden Seiten des Tals im Schiefer verankert. Rappbodetalsperre. Ein schönes Wort für ein gigantisches Bauwerk.

Auf der Brücke tönt aus Lautsprechern merkwürdige Kaufhausmusik. Ich lasse mir Zeit beim überqueren. Man läuft über ein Gitterrost, durch das man direkt runter ins Tal gucken kann. Höhenangst habe ich glücklicherweise nicht. Wem das langsame überqueren der Brücke nicht reicht, kann mit einer Seilrutsche in Bauchlage ans Ufer der gegenüberliegenden Seite flitzen. Harzdrenalin nennt sich das Unternehmen, das diese Freizeitangebote rund um die Staudämme macht. Alle paar Minuten sausen mit Helmkameras ausgestattete Leute über die Köpfe der Brückenbesucher.

Zu diesem Angebot gehört offensichtlich auch Bungiejumping von der Hängebrücke hinunter. So erklärt sich auch das Poltern und Schreien, als ich gerade in der Mitte der Brücke stehe.

Unterhalb ist eine Art kleiner Container angebracht, von dem aus die mutigsten Adrenalinjunkies abspringen können. Ein Pärchen hat es gewagt zusammen einen Tandemsprung zu machen und schwingt nun unten am Seil hin und her, während es langsam wieder nach oben gezogen wird.

Auf der anderen Seite warten meine Begleiter, Quinn, Opa und Cosmo. Mit Kinderwagen oder Hund kann man die Brücke leider nicht betreten. Wir konnten uns aber zuwinken, während sie über den Staudamm spaziert sind. Quinn sitzt gemütlich im Jogger. Nun starten wir unsere eigentliche Wanderung.

Zunächst wandern wir in Richtung des Endpunktes von der Seilrutsche. Erst über Kopfsteinpflaster, dann über Waldwege, wo uns noch einige Besucher mit ihren Helmen entgegenkommen. Wir laufen weiter und betrachten beeindruckt das Pumpspeicherwerk Wendefurth mit seinen großen Wasserrohren.

Dann kommen wir zu einem weiteren Staudamm. Die Talsperre Wendefurth ist etwas kleiner, als der vorherige. Wir machen eine gemütliche Rast an einem Springbrunnen, wo wir unsere Brote und Bananen essen – stets belagert von Wespen. Cosmo denkt permanent, er darf schwimmen gehen, er ist echt verrückt nach Wasser. So wie es aussieht, wird das Wasser aber bald eher von oben kommen.

Also wandern wir über den Damm, dort gibt es wieder eine Harzdrenalin-Station. Man kann „Wallrunning“ machen, wobei man senkrecht an der Wand hinunter geht. Gerade macht sich ein Mann bereit, er wird mit Seilen gesichert und geht an der Wand drauf los. Hier ist gute Körperspannung gefragt.

Auf der gegenüberliegenden Seite im Wald soll sich noch eine Stempelstelle für die Harzer Wandernadel befinden. (HWN 62) Gerade als wir unter das schützende Blätterdach treten, fängt es an zu schütten. Um zur Stempelstelle zu gelangen muss man ein Stück den Hang hinauf. Ich schnappe mir unseren Regenschirm, während Quinn und Opa kurz unten warten. Die Stempelstelle ist schnell erreicht und ich kann noch einmal den Stausee von oben bewundern. Danach gehen wir über den Staudamm zurück.

Da es nicht aufhören will zu gießen, stellen wir uns kurz bei dem Touristen- Informations-Haus unter. Verzweifelt versuche ich, dem Baby etwas Babybrei zu verabreichen, ohne dass es eine Schweinerei zwischen Regen, Regenschirmen, Hund, zappelndem Baby und Buggy gibt. Mit mäßigem Erfolg…

Bei der zweiten Hälfte unserer Wanderung rumpelt in der Ferne noch immer der Donner, dennoch ist es sommerlich warm und wir wandern durch wunderbare Wälder über naturbelassene Wege. An einer Stelle müssen wir eine kleine Umleitung gehen, da der Hauptweg gesperrt ist. Hierfür muss ich Quinn ein Stück tragen, weil man den Buggy nur mühsam den schmalen Pfad an einem Hang hoch manövrieren kann. Zum Glück ist es aber nur eine kurze Passage.

Auf einer idyllischen Waldlichtung machen wir inmitten von Goldgarbe eine Pause. Opa spielt mit seinem Enkelhund Stöckchen und ich setze meinen kleinen Sohn ins nasse Gras, wo er mit Grashalmen spielt. Bei allen beeindruckenden Brücken, Dämmen und Aussichtsstellen ist dennoch dies irgendwie der schönste, natürlichste und echteste Moment der Wanderung. Manchmal bedarf es einfach nicht viel mehr um die Welt mal einen Moment zu vergessen.

Ups, jetzt ist mein Baby ganz nass! Später müssen wir ein Stück an einem Campingplatz entlang und der Schluss ist leider an der Hauptstraße. Dabei kommen wir außerdem nochmal am oberen Ende der Wasserrohre beim Pumpspeicherwerk vorbei.

Die Hängebrücke Titan ist inzwischen wegen des Gewitters geschlossen und nun menschenleer und von Nebelschwaden umhüllt. Immerhin steht hier am Ausgang noch ein Kaffeestand, wo wir uns einen Karamell Cappuccino gönnen. Mit dem Kaffee in der Hand schlendern wir über die Rappbodetalsperre zurück auf die andere Seite.

Nach der Talsperre muss man noch durch einen Tunnel hindurch, um die Runde komplett zu machen. Wegen der nassen Straße sind die Autos, die vorbei kommen nochmal extra laut, im Tunnel herrscht deshalb ein Höllenlärm.

Nun kommen wir zurück zu unserem Startpunkt am Eingang der Brücke. Mit Jogger und Hund ist die Route gut zu machen. Wir haben etwa drei Stunden gebraucht für die 8 Kilometer lange Wanderung.

Dies ist nun leider schon der letzte Beitrag von meiner Harz Reihe. Die anderen Beiträge gibt es hier:

Teil 1, Teil 2 und Teil 3.

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